BLOCKCHAIN LICHTENBERG

Kolumne von Nora Linnemann

BLOCKCHAIN LICHTENBERG

NORA LINNEMANN

von

Die Berliner Autorin Nora Linnemann taucht in ihrer Kolumne "Blockchain Lichtenberg" regelmäßig in die verschachtelte Welt der Berliner Blockbebauung ein und bringt einen frischen Blick auf die Blocks of Lichtenberg und das Leben in ihnen und um sie herum. 

Jede Folge ist eine Neuentdeckung von Menschen, Orten, Gewohnheiten und Überraschungen, die Linnemann exklusiv auf den UNBLOCK-Kanälen mit ihrer Leserschaft teilt. Lasst uns die scharfgezeichneten Worte von Linnemann verfolgen und in ihre Sprache eintauchen, die manchmal so präzise ist, dass man sich die Finger daran schneiden kann. 

Und: it´s ok to dance.

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Foto: Neven Hillebrands

Berlin, 9. Juni 2021

NAHERHOLUNG IN FENNPFUHL

"Wer nie so recht gelebt hat, dem ist auch kein echter Tod vergönnt und der ist für diesen Ort bestimmt ..."
(Hausfassade in Fennpfuhl)

„Ich will Lichtenberg kennenlernen“, hatte ich am Telefon zu Kat gesagt, „und mit Fennpfuhl fange ich an.“ “Da war ich noch nie“, hatte sie geantwortet. „Ich hol dich Samstag um 11:00 ab.“ Wir fuhren: Vom Kreuzberger Westen rüber in den Osten, wo die Straßen breiter sind und die Häuser höher, Block, Block, Block. Ich mag Ausflüge mit Kat. Sie hat diesen typischen Blick einer Fotografin für Details, immer einen scharf gestellten Fokus. Vor meinen Augen verschwimmen Gebäude und Straßenzüge zu lieblos gemalten Aquarellbildern, ich habe die letzte Ecke bereits an der nächsten vergessen. „Dafür merkst du dir Gesichter“, sagte Kat, als wir am Anton-Saefkow-Platz aus dem Auto stiegen, dem „gesellschaftlichen Zentrum Fennpfuhls“, wie ich im Internet gelesen hatte, geschaffen als Einkaufs- und Erholungsort für die Bewohner:innen der ersten zusammenhängenden Plattenbausiedlung der DDR.

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Foto: Nora Linnemann

Für einen Samstagvormittag kam mir der Platz zu leer vor. „Bäm, Zeitmaschine“, rief ich, unentschlossen, in welchem Jahrzehnt wir gelandet waren – 70er, 80er? Vorwiegend älteres Publikum zog seine Kreise zwischen Drogerie, Apotheke, Supermarkt und Don Gelato, einige wenige Menschen frühstückten im einzigen Café. Ich wartete darauf, dass sich bei mir ein Gefühl von Trostlosigkeit einstellte, aber ich erlag sofort dem Charme dieser Gemächlichkeit und schämte mich dafür, dass mich das überraschte. „Zum Tümpel?“, fragte Kat, ich nickte. Wir wollten den namengebenden Pfuhl sehen, das Herzstück des Fennpfuhlparks, Fontäne inklusive. Auf dem Weg entdeckten wir im oberen Stockwerk eines Flachbaus die Stadtteil-Bibliothek. Darunter ansässig: Ein Sonnenstudio, von dessen Werbebanner uns die Worte „Körper straffen“ entgegen prangten. Bücher und Bräune, was willste mehr.

Foto: Nora Linnemann

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Im Park angekommen, hatten wir zwei bemerkenswerte Begegnungen: Zuerst trafen wir eine alte Dame, die sich auf einer Bank niedergelassen hatte und an einem Fläschen Rotkäppchen nippte. „Ist gut für den Kreislauf“, kicherte sie, den Piccolo schwenkend, “nicht auslachen.“ „Niemals“, sagte ich, „es sei Ihnen gegönnt.“ Kurz danach entdeckte Kat vor uns am Wegrand ein Eichhörnchen. Wir versuchten unsere Begeisterung – „Hach!“, „Guck doch!“, „Süß!“ – so leise wie möglich auszurufen, um es nicht zu verschrecken, aber von Angst auf Seiten des Eichhörnchens konnte keine Rede sein, im Gegenteil, es hüpfte näher an uns heran – „Wie zutraulich!“ – und noch näher – „So zutraulich!“ – , sprang Kat an die Wade und begann an ihrem Bein hochzuklettern, bis es sich auf Höhe ihrer Hüfte wieder abstieß, schwänzelnd durch die Luft flog und sofort aus unserem Blickfeld verschwand. Wir prusteten los.

Erschöpft suchten wir nach der nächsten Bank. Ein paar Sonnenstrahlen schoben sich durch den Wolkenhimmel, ich knöpfte meine Jacke auf. Wir bestaunten die Hochhausspitzen, die hinter den Bäumen aufragten. Vor Jahren war ich einmal beruflich in einem dieser Häuser gewesen, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, bei der Gelegenheit aus dem Fenster geblickt zu haben. „Hast du bestimmt“, sagte Kat, „macht man doch immer, Aussicht checken.“ Ich stellte mir vor, dass gerade jemand von dort oben auf uns hinunterschaute, zwei Touristinnen aus West-Berlin, aber natürlich wären wir – wenn überhaupt – nur als winzige Punkte zwischen den Bäumen erkennbar, so plötzlich wieder verschwunden, wie wir aufgetaucht waren. „Glaube, hier leben die nettesten Menschen von Berlin“, sagte Kat. „Super nett“, antwortete ich, „aber dafür sind die Eichhörnchen ein bisschen übergriffig.“

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann