BLOCKCHAIN LICHTENBERG

Eine Kolumne von Nora Linnemann

BLOCKCHAIN LICHTENBERG

Eine Kolumne von

NORA LINNEMANN

Die Berliner Autorin Nora Linnemann taucht in ihrer Kolumne "Blockchain Lichtenberg" regelmäßig in die verschachtelte Welt der Berliner Blockbebauung ein und bringt einen frischen Blick auf die Blocks of Lichtenberg und das Leben in ihnen und um sie herum. 

Jede Folge ist eine Neuentdeckung von Menschen, Orten, Gewohnheiten und Überraschungen, die Linnemann exklusiv auf den UNBLOCK-Kanälen mit ihrer Leserschaft teilt. Lasst uns die scharfgezeichneten Worte von Linnemann verfolgen und in ihre Sprache eintauchen, die manchmal so präzise ist, dass man sich die Finger daran schneiden kann. 

Und: it´s ok to dance.

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Nora Linnemann (Foto: Neven Hillebrands)

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BLOCKCHAIN LICHTENBERG

27. August 2021 

16. August 2021 

► 23. Juli 2021 

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► 24. Juni 2021

► 9. Juni 2021 

 

Berlin Lichtenberg, 27. August 2021

ARCHITECTURE IS YOUR FRIEND (ODER AUCH NICHT): HOHENSCHÖNHAUSEN

Neulich hat mich jemand gefragt: “Wie isses denn nun in Lichtenberg?” “Eigentlich ganz entspannt”, habe ich geantwortet. “Also das ist dein Fazit, ‘entspannt’?” “Auch ziemlich spannend”, habe ich schnell hinzugefügt, “viel Geschichte, Nazis, DDR…” “Aha.” Erbärmlich, ich weiß. Die Wahrheit ist: Ich habe kein Fazit zu Lichtenberg im Angebot.

 

Habe mich noch ein Stückchen tiefer hineingewagt. In den nördlichsten Teil von Lichtenberg, (Alt-)Hohenschönhausen, danach ist quasi Schluss mit Stadt, da wird es, wenn ich auf die Karte schaue, grüner und grüner, eine dünne rote Linie trennt Berlin von Brandenburg, zeigt die Grenze auf, die ich an diesem Sonntag nicht überschreiten werde, aber könnte. Es wäre ganz einfach, ich müsste nur noch zehn Minuten länger in die Pedalen treten, mich durch die Siedlung mit den Einfamilienhäusern schlängeln und wäre – zack – im benachbarten Bundesland.

“Mies van der Rohe Haus”, lautete die Empfehlung einer Bekannten, “da musst du hin.” Klang gut in meinen Ohren: Bauhaus statt Plattenbau. Lichtenberg, deine Kontraste usw.! Also hin da. Der Weg wieder die Hölle gewesen auf dem Fahrrad (anders kommt man ja vom Westen nicht vernünftig nach Lichtenberg, außer man gehört zu den Leuten, die über die bummelige Gemütlichkeit der Trambahn nicht wahnsinnig werden), weil über die Warschauerstraße und ich in Panik, dass eine der unzähligen Glasscherben auf dem Radweg mir meine Reifen aufschlitzt – blieb aber alles heile und jetzt vor meiner Nase: Das Mies van der Rohe Haus in der Oberseestraße, Hohenschönhausen.

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Foto: Nora Linnemann

Vornehm zurückhaltend steht der Flachbau hier in diesem Wohnviertel herum, wer das Haus nicht auf dem Schirm hat, fährt vielleicht einfach daran vorbei, auch wenn oder grade weil es sich architektonisch deutlich von den benachbarten Häusern unterscheidet. 1933 entworfen von einem der berühmtesten Architekten der Welt, Mies van der Rohe, für den Druckereibesitzer Karl Lemke und seine Frau, deshalb auch Villa Lemke genannt. 1945 mussten die Lemkes im Zuge der Besetzung ihr Haus verlassen. Zu DDR Zeiten wurde es zunächst als Wohnraum für Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit genutzt, in den 70ern dann unter Denkmalschutz gestellt, heute ist es Architkturdenkmal und Ausstellungpavillon.

Ein Schild links vom Eingang weist auf die aktuelle Ausstellung hin, ein weiteres an der Eingangstür darauf, dass das Haus bitte von hinten zu betreten sei. Ich laufe den schmalen Weg weiter bis in den Garten und: Überwältigung! Ich blicke direkt auf den Obersee. Natürlich habe ich vorher schon auf der Karte gesehen, dass es sich um ein Seegrundstück handelt, aber erst jetzt checke ich, was das im Zusammenspiel mit dem Haus, dessen Schönheit sich mir hier vom Garten aus erst richtig offenbart, bedeutet. Schlicht, aber oho, Bauhaus eben, was habe ich denn erwartet.

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Foto: Nora Linnemann

Bevor ich das Haus betrete, werde ich von einem Mitarbeiter – passend zur Eleganz des Ortes trägt er Leinenanzug und Sommerhut – höflich, aber bestimmt darauf hingewiesen, meinen Rucksack bitte nach vorne zu nehmen, um nichts zu beschädigen. Drinnen ist außer mir nur ein älteres Paar aus Sachsen, dass sich Ahhhs und Oooohs und “guck mal, och so schön” zuflüstert (aber nicht so leise, dass ich den Dialekt nicht heraushören würde), er fotografiert jeden Winkel mit seiner Spiegelreflexkamera, für den privaten Gebrauch sind Fotos erlaubt. Die Ausstellung geht ein bisschen an mir vorbei, vielleicht weil sich die minimalistischen Werke des Künstlers, dem Japaner Tadaaki Kuwayama, so gut ins Designkonzept des Hauses einfügen.

“Hier sollten wir einziehen”, schreibe ich Kat und schicke ihr ein Foto vom Blick durchs Fenster auf den See. Wieviele Leute genau diesen Satz vor mir schon gedacht oder gesagt haben? Ich stelle mir vor, wie der Mann im Leinenanzug darauf antwortet: “Tja, wer nicht.” Oder: “Kleiner Hinweis, das ist ein Museum.” Oder: “Haben Sie den Flyer gesehen? Originell, im Gegensatz zu Ihnen.” (“Werden Sie Miesianer”, steht auf dem Flyer der Freunde und Förderer des Mies van der Rohe Hauses.) Als ich gehe, nicken wir uns kurz zu, schweigend.

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Foto: Nora Linnemann

Auf dem Rückweg fahre ich dann noch an der Gedenkstätte Hohenschönhausen vorbei, die ca. einen Kilometer entfernt südlich liegt. Hohe Steinmauern, Stacheldraht, auch dies ein Ausstellungsort, aber ganz anderer Art. Bis 1989 befand sich auf dem Gelände das “Zentrale Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit“, in dem vor allem politische Gefangene inhaftiert waren. Seit 1994 gibt es die Gedenkstätte mit Ausstellungen, Forschungsprogramm und Führungen zum Thema Stasi. Was mich baff macht: Gegenüber der alten Gefängnismauer stehen Einfamilienhäuser, reihen sich ordentlich auf, Kleinbürgeridylle meets DDR-Geschichte, Lichtenberg, deine Kontraste usw.! Wahrscheinlich gewöhnt man sich mit der Zeit einfach daran, auf diese schreckliche Mauer zu glotzen, immerhin gehen die Gärten zur anderen Seite hinaus.

Neulich hat mich jemand gefragt: “Wie isses denn nun in Lichtenberg?” “Eigentlich ganz entspannt”, habe ich geantwortet. “Also das ist dein Fazit, ‘entspannt’?” “Auch ziemlich spannend”, habe ich schnell hinzugefügt, “viel Geschichte, Nazis, DDR…” “Aha.” Erbärmlich, ich weiß. Die Wahrheit ist: Ich habe kein Fazit zu Lichtenberg im Angebot. Aber darum geht es auch nicht. Es geht darum, endlich wieder dieser Stadt zu begegnen. Und es geht um Kat und mich, unsere Freundschaft, aber das, liebe Leser:innen, habt ihr ja längst begriffen.

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Foto: Nora Linnemann

 

Berlin Lichtenberg, 16. August 2021

PALETTEN, PLASTIK, PHỞ BO: DONG XUAN CENTER

“Was ist denn ein Dong Xuan Center?”, hatte meine Mutter mich morgens am Telefon gefragt. “DAS Dong Xuan Center. Ein asiatischer Markt”, hatte ich geantwortet, “mit Klamotten, Nagelstudios, Restaurants und so.” “Klingt nett”, hatte meine Mutter gesagt. Und ich: “Auf jeden Fall. Allerdings glaubt das Bundeskriminalamt, dass der Markt ein Umschlagplatz für Menschenhandel ist, steht im Internet.”

Kat hat sich das Handgelenk gebrochen, eine komplizierte Sportverletzung (wir sind uns darüber einig, dass man immer von Sportverletzung sprechen sollte, unabhängig davon, wie die Unfall-Umstände wirklich waren), Krankenhaus, Operation, Gips und Schonhaltung, weshalb ich Sonntagvormittag alleine zum Dong Xuan Center radelte, ihre Empfehlung im Ohr, mich unbedingt an die Restaurants in den Hallen zu halten, denn dort sei das Essen am besten. Auf dem Fahrrad dachte ich darüber nach, dass unser letzter gemeinsamer Ausflug nach Fennpfuhl schon wieder Wochen her war und wie schön es wäre, wenn wir es noch einmal gemeinsam nach Lichtenberg schaffen würden, weil: “time flies” und “so jung kommen wir nicht mehr zusammen, Kat!”

“Was ist denn ein Dong Xuan Center?”, hatte meine Mutter mich morgens am Telefon gefragt. “DAS Dong Xuan Center. Ein asiatischer Markt”, hatte ich geantwortet, “mit Klamotten, Nagelstudios, Restaurants und so.” “Klingt nett”, hatte meine Mutter gesagt. Und ich: “Auf jeden Fall. Allerdings glaubt das Bundeskriminalamt, dass der Markt ein Umschlagplatz für Menschenhandel ist, steht im Internet.” Worauf meine Mutter geantwortet hatte, das wiederum klinge nun weniger nett. Natürlich blieb mir diese düstere Seite des Dong Xuan Centers während meines Besuchs verborgen, trotzdem hätte ich lieber nichts darüber gelesen. Einmal in meinem Kopf, konnte ich die Information, auch wenn sie als Vermutung formuliert worden war, kaum ausblenden.

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Foto: Nora Linnemann

Das Dong Xuan Center ist untrennbar mit der Geschichte der vietnamesischen Community in Ost-Berlin verbunden. In den 70er Jahren holte die DDR Vietnames:innen als Vertragsarbeiter:innen ins Land, sie wurden in eigenen Wohnquartieren untergebracht, so auch in Berlin-Lichtenberg. Nach dem Mauerfall verloren viele ihre Arbeit und begannen, sich mit eigenen Geschäften und Restaurants selbstständig zu machen. Das Center wurde 2005 zunächst ausschließlich als vietnamesischer Großmarkt eröffnet, erst später kamen Dienstleistungsgewerbe und Gastronomie dazu. Längst sind die Händler:innen nicht mehr nur vietnamesisch-stämmig, sondern auch aus Pakistan, Indien, China, der Türkei und Deutschland. In den letzten Jahren wurde dem Dong Xuan Center medial ein gewisser Kultstatus erteilt und mittlerweile wollen neben Geschäftsleuten und Anwohner:innen auch Student:innen, hippe Expats und Tourist:innen über das Gelände schlendern und Phở Suppe essen.

Ich fuhr über den Eingang Vulkanstraße (also nicht über den Haupteingang an der Herzbergstraße mit dem einladenden Torbogen) auf die Rückseiten der leuchtend blauen Containerhallen zu, wo mich emsiges Treiben empfing: Güter wurden von Lastwagen abgeladen, Waren von einem Ort zum anderen getragen, Paletten auf Paletten gestapelt. Vereinzelt standen Arbeiter:innen vor den Hintereingängen der Container und rauchten. Ich stieg ab und schob mein Rad zum Parkplatz, auf dem die Autofahrer:innen vergeblich nach Parklücken suchten. Vor den Hallen herrschte Hochbetrieb. Sonntagsausflügler:innen, junge Familien, Teenager und ältere Paare saßen in den Restaurants, gruppierten sich davor, unterhielten sich auf Vietnamesisch, Arabisch, Englisch oder Deutsch (mit ostberliner Dialekt). Eine Frau und ein Mann konnten sich nicht entscheiden, was sie essen wollten. “Hauptsache nüscht von der Bratwurstbude”, sagte sie und zeigte auf einen Stand mit “Original Thüringer Rostbratwurst, “weil das kann ich ja überall haben.” Ich stimmte ihr in Gedanken zu.

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann

Dann wagte ich mich in eine der Hallen. Links und rechts des schmalen Ganges lagen Textilgeschäfte – handgeschriebene Schilder wiesen darauf hin, dass die Kleidung nur an GROSSHÄNDLER verkauft würde –, aber auch Spielwarenläden, Nagelstudios, Handyläden und Kosmetiksalons. Eine Weile genoss ich die visuelle Überforderung: Bling-Bling und Glitzer, wohin das Auge blickte, Applikationen und Slogans auf T-Shirts (mein Favorit: “You are never too old for a dream”), knallbunte Leggings und – topaktuell – FFP2 Masken mit wilden Mustern. Ich stromerte durch diese Welt aus Polyester und Hartplastik. Ich dachte: Was für ein Trash. Und dann: Wer bin ich eigentlich, dass ich hier gaffend herumspaziere, während andere Leute einkaufen gehen, arbeiten, dazugehören, zu einem Ort, der real und komplex ist, Geschichten erzählt, die ich nur ansatzweise verstehe, wenn überhaupt? Das trieb mich um, als ich nach Hause fuhr, nachdem ich noch ein paar sehr gute Frühlingsrollen gegessen hatte, in einem der Restaurants in und nicht vor den Hallen, so wie es mir empfohlen worden war.

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann

 

Berlin Lichtenberg, 23. Juli 2021

KEINE SONNE: TIERPARK

Ich hatte mir den Tierpark rausgesucht als Lichtenberger Sehenswürdigkeit (wenn man “Lichtenberg” und “Sehenswürdigkeiten” googelt, taucht er immer ganz oben in der Liste auf), außerdem war er mir einigermaßen vertraut aus einer Phase in meinen Zwanzigern, in der ich mich gerne an “ungewöhnlichen” Orten verabredete – im Spielkasino, auf Friedhöfen oder eben im Tierpark statt in Bars oder Cafés.

 

Es war ausgeschlossen, dass ich hier eine interessante Begegnung haben würde. Und ich wäre auch niemals in der Erwartung einer solchen hergefahren, wenn Kat mich nicht vorher mit ihrer “Vision” vollgelabert hätte, in der sie mich sah, wie ich alleine durch den Tierpark lief und dann auf jemanden traf – wieso, weshalb, warum sparte sie aus –, “einen Architekten, der wegen des Baus eines neuen Raubtierhauses vor Ort eine Begehung macht oder so”, der mein Leben für immer verändern würde. “Und weiter?”, hatte ich Kat gefragt, aber sie hatte geantwortet, dass es erstmal nur darum ginge, überhaupt mal wieder einem Menschen wirklich zu begegnen. “Mir geht es aber um scheiß Lichtenberg und den scheiß Tierpark”, hatte ich deutlich gemacht, “nicht darum, dass mich irgendein Typ anrempelt.” “Könnte ja auch eine Architektin sein”, hatte Kat freundlich gesagt und das Thema gewechselt.

Aber als ich am Montagnachmittag mit dem Rad nach Friedrichsfelde losfuhr, konnte ich einen Anflug alberner Vorfreude nicht leugnen, eine leise Hoffnung, dass vielleicht doch etwas Aufregendes passieren könnte. Die Wetter-App hatte für den Rest des Tages Sonnenschein versprochen, aber schon auf Höhe der Warschauer Straße hingen die Wolken so tief, dass ich meine Entscheidung für luftige Sommerkleidung bereute (einmal hatte ich dem Wetterbericht Glauben geschenkt und nicht für alle Eventualitäten Klamotten in meinen Rucksack gestopft) und kurz vorm Ziel hatte es sich über mir so verdunkelt, dass ich bei einem erstaunlich gut sortierten Drogeriemarkt anhielt, um dort vorsorglich eine günstige Regenjacke zu kaufen.

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Foto: Nora Linnemann

Ich trat aus dem Laden, es fing an zu regnen. Bis zum Tierpark schob ich mein Rad. Da waren sie wieder, die Hochhäuser, Block, Block, Block. Der Ost-Berliner Zoo thronte groß und grün zwischen ihnen, ein Versprechen von Freizeitentspannung und Kindheitserinnerungen, eröffnet 1955 im alten Schlosspark Friedrichsfelde. (Das Schloss steht noch und vom richtigen Winkel aus sieht man über dem frühklassizistischen Bau die Platten aufragen.) Ich hatte mir den Tierpark rausgesucht als Lichtenberger Sehenswürdigkeit (wenn man “Lichtenberg” und “Sehenswürdigkeiten” googelt, taucht er immer ganz oben in der Liste auf), außerdem war er mir einigermaßen vertraut aus einer Phase in meinen Zwanzigern, in der ich mich gerne an “ungewöhnlichen” Orten verabredete – im Spielkasino, auf Friedhöfen oder eben im Tierpark statt in Bars oder Cafés.

Jetzt trottete ich ein wenig verloren durch das weitläufige Gelände, zog die Plastikjacke an und wieder aus, weil der Regen sich nicht entscheiden konnte, ob er nun fallen wollte oder nicht, fror und schwitzte abwechselnd, meine Laune wurde schlechter. An den Tiergehegen blieb ich nur noch kurz stehen, nachdem ich den belustigten Blick einer Tüpfelhyäne aufgefangen hatte, der verriet, dass sie mich durchschaut hatte: Ich war eine Heuchlerin, die zwar Mitleid empfand beim Anblick der Geschöpfe in ihren Käfigen, aber genau dafür Eintritt gezahlt hatte. Also konzentrierte ich mich auf die Menschen um mich herum.

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann

Das Publikum war genauso, wie man es im Tierpark erwarten würde. Eltern mit kleinen Kindern – die Mütterbeine steckten in gemusterten Caprileggings, die Väterbeine in Bermudashorts, modisch unterschied sich Berlin hier nicht mehr von Peine oder Schweinfurt –, Großeltern mit Enkelkindern, eine Rentergruppe, die sich auf niederländisch unterhielt. Ein Teenager-Paar beglotzte aneinandergeschmiegt die Brillenpinguine. Der Einzige, der wie ich allein zu sein schien, war ein Mann mittleren Alters, der hochkonzentriert ein Kamerastativ vor dem Bison-Gehege aufbaute und auf meine Frage, welche Kamera er denn benutze, einfach nicht antwortete. Kat hatte sich getäuscht. Natürlich. Niemand nahm mich wahr, abgesehen von der hämischen Tüpfelhyäne. Es gab keine Pointe an diesem Nachmittag, erst recht kein Happy End.

Auf dem Weg nach Hause riss der Himmel plötzlich auf, die Sonne offenbarte mir ihre ganze Kraft. Vielleicht hängt ja wirklich alles nur am Wetter, dachte ich, als ich in die Pedalen trat. Und dann hatte ich doch noch eine Begegnung. In Kreuzberg. Zuhause. Manchmal ist es da auch ganz schön.

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann

Berlin Lichtenberg, 15. Juli 2021

ERINNERE DICH AN RUMMELSBURG

Der Himmel ist bewölkt, das Licht weich, auf Christels Erinnerungsfotos werde ich später die entspannte Neugier genauso wiedererkennen wie das melancholische Bye-Bye von einer, die bald weiterzieht.

Wie heißt das, wenn man schwanger ist und überall nur noch Schwangere sieht?“, frage ich Kat am Telefon. „Keine Ahnung“, antwortet sie, „ich hab in meinen Schwangerschaften vor allem Frauen mit flachen Bäuchen wahrgenommen.“ „Das meine ich doch: Man hat eine Sache im Kopf und trifft dann überall ständig…“ „Selektive Wahrnehmung?“ Ich stelle mir vor, wie sie die Augenbrauen leicht zusammenzieht, ein Fragezeichen ins Gesicht setzt. „Das isses“, rufe ich begeistert, „du bist gut!“ “Manchmal”, sagt sie. “Eher immer”, sage ich, bevor wir auflegen.

Ich stehe vor dem Eingang zum S-Bahnhof Rummelsburg, wo ich Christel treffe, um den Vormittag mit ihr in Lichtenberg zu verbringen. Wir haben uns erst vor drei Tagen kennengelernt, über einen gemeinsamen Freund bei einer Premierenfeier. Sie hat mir im Lauf des Abends erzählt, dass sie in Rummelsburg zu Hause sei, ich habe sie nach Ausflugstipps gefragt und so ist es schließlich zu unserer Verabredung gekommen. Erstmalig geht einer meiner Touren nach Lichtenberg eine Idee voran, die etwas ausgefeilter ist als “einfach hinfahren und schauen, was kommt”. Wir wollen die Spazierroutine nachvollziehen, die Christel in den Monaten des Corona-Lockdowns entwickelt hat, die Wege gehen, die ihr so vertraut geworden sind, und ich werde nichts weiter tun müssen als mitzulaufen.

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Foto: Christel Clerc

Diese Art, einen Ort kennenzulernen ist mir fast die liebste, nicht nur weil sie recht bequem ist, sondern auch weil sie etwas verrät über die Person, die einen da quasi an die Hand nimmt, ihren spezifischen Blick, der sich unter Umständen ganz und gar unterscheidet vom eigenen. “Ich nehme schon mal ein bisschen Abschied”, sagt Christel, als wir losschlendern, und hält eine Kamera hoch. Bald zieht sie um in eine andere Stadt – zufällig habe ich dort mal gewohnt, ich kann ihr also im Austausch davon erzählen –, und ich habe das Gefühl, sie will jetzt noch einmal ganz genau hinsehen, sich jeden Straßenzug einprägen, den Takt des Viertels nochmal spüren, der so viel gemächlicher ist als mein Kreuzberger Heimatbeat. Der Himmel ist bewölkt, das Licht weich, auf Christels Erinnerungsfotos werde ich später die entspannte Neugier genauso wiedererkennen wie das melancholische Bye-Bye von einer, die bald weiterzieht.

Den ersten Halt machen wir am Gedenkort Rummelsburg. Er erinnert mit drei großen Stehlen und mehreren Gedenktafeln an das Städtische Arbeitshaus Rummelsburg, das im Kaiserreich “als Zuchtort für Randgruppen” gegründet wurde, unter den Nationalsozialisten zur “Sammelanstalt für Asoziale” wurde und von 1951 bis 1990 das zentrale Männergefängnis Ost-Berlins war. Christel ist auf ihren Spaziergängen zwar stets hier vorbeigelaufen, hat sich aber nie tiefer in das Gelände hineinbegeben, aus dem mittlerweile eine großzügige Wohnanlage geworden ist. Uns beeindruckt der geschichtsträchige Ort, wir versuchen uns angemessen andächtig zu verhalten, als wir zwischen den Gebäuden umherlaufen, aber dann registrieren wir die sorgfältig bepflanzten Balkone, die gepflegten Autos, die vor den Wohnhäusern parken. “Besondere Architektur, einmalige Ruhe, bestimmt unbezahlbare Eigentumswohnungen hier”, mutmaße ich. Dieser Ort hat längst seinen Schrecken verloren, was auch immer man nun davon halten will, ja, sogar ein Hotel soll es hier geben, das haben wir beide schon mal irgendwo gehört, allerdings finden wir es nicht.

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Foto: Christel Clerc

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Foto: Christel Clerc

Wir laufen weiter zur “Hall of Fame”, einem legalen Graffiti-Spot (ob die Mauerreste, auf denen die Künstler:innen hier sprayen tatsächlich zum ehemaligen Arbeitshaus bzw. Gefängnis gehören, wie ich später auf einem Blog lese, habe ich bis jetzt nicht herausfinden können), passieren die Boulderhalle Ostbloc, vor der sportlich aussehende Menschen Cappuccino trinken, und finden unseren Platz schließlich in der Hafenküche, einem schicken Ausflugslokal direkt am Rummelsburger See, inklusive Bootsanleger. “Man fühlt sich schon fast ein bisschen wie an der Côte d’Azur”, sagt Christel und ich stimmte zu, ohne jemals an der Côte d’Azur gewesen zu sein, aber Urlaubsflair ist hier definitiv vorhanden, auch wenn es sich immer noch um die gute olle Spree handelt, auf der die kleinen und gößeren Boote sanft schaukelnd in der Sonne liegen. Ich proste Christel mit meinem Eistee-Glas zu und realisiere: Wir haben uns den ganzen Weg lang miteinander unterhalten, über unsere Herkunft geredet, unsere Berufe und Zukunftswünsche, haben nicht nur ein Stück von Lichtenberg erkundet, sondern vor allem uns und das ist ein Anfang – ein Abschied, aber ein Anfang.

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Foto: Christel Clerc

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Foto: Christel Clerc

 

Berlin Lichtenberg, 24. Juni 2021

THE POWER OF LOVE

Beim Refrain erkannte ich, dass es sich um The Power of Love von Céline Dion handelte. Vielleicht gingen die Pferde mit mir durch, vielleicht war mein Herz durch die Hitze porös geworden, durchlässiger, vielleicht war es auch einfach nur an der Zeit gewesen: Célines Stimme im Ohr, Sometimes I am frightened, But I'm ready to learn...

Die Stadt dampfte. Heiß, heißer, Hitzeschlag. Dieser Berliner Juni gehörte den Fussball-Enthusiast:innen, Radler-Trinker:innen und Datschen-Besitzer:innen, er gehörte denjenigen, die ihre Zeit gerne in Minimal-Abstand zu anderen Sonnenanbeter:innen an einem der Stadtseen verbrachten und denen, die davon sprachen, dass Corona doch zumindest gefühlt nun endlich mal vorbei sei. Er gehörte den Crop-Top-Mädchen in ihren Trecking-Sandalen und High-Waist-Hotpants – stets eine Gruppe Tennissocken-Jungs im Schlepptau catwalkten sie unter meinem Fenster entlang, während ich (blue, blue) Schallplatten hörend in der Wohnung saß (klang jemals etwas trauriger als Summertime, and the Living is Easy, wer‘s glaubt!) –, er gehörte den Nicht-Allergiker:innen und Freilichtbühnen-Freund:innen und bestimmt gehörte er auch mir, aber: Ich spürte es einfach nicht.

„Du musst mal raus aus deiner Ecke“, stellte Kat am Telefon fest. Ich war mir nicht sicher, wie sie das meinte. „Und sag mal, der Blog“, fuhr sie fort, „kommt da noch was?“ Ich legte beleidigt auf, um sie sofort danach wieder anzurufen: „Fährst du bitte, bitte, bitte mit mir nach Lichtenberg?“ Sie könne nicht, antwortete sie, sie würde übers Wochenende wegfahren, aber ich solle sie einfach in Gedanken mitnehmen. „Kann ich nicht versprechen“, sagte ich. An einem Freitagabend stieg ich also auf mein Rad – draußen immer noch 33 Grad – und trat kraftlos in die Pendalen. Ziel: Die alte Trapprennbahn in Karlshorst, gegründet 1894. Anfang des letzten Jahrhunderts war Karlshorst einer der beliebtesten Vororte Berlins gewesen und hatte, so steht‘s im Internet, als „Dahlem des Ostens“ gegolten.

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Foto: Nora Linnemann

Ich fuhr sehr langsam und machte alle zehn Minuten Pausen, um lauwarmes Wasser aus der Plastikflasche in meinem Rucksack zu trinken, aber schon in Treptow gewann ich an Tempo, das Grün des Plänterwalds wirkte beruhigend auf mich, und als ich auf die Treskowallee fuhr, die Magistrale von Karlshorst, um die sich das Viertel herum entwickelt hatte, fühlte ich mich trotz der Temperaturen erfrischt. Vielleicht musste ich wirklich öfter mal aus meiner Ecke raus. Direkt hinter dem Ortseingang hatte vor kurzem ein „riesen Hüpfburgfest“ stattgefunden, entnahm ich dem Ankündigungsplakat. In einem eingezäunten Areal lagen die Hüpfburgen in der Sonne. Man hatte die Luft aus ihnen herausgelassen, erschlafft warteten sie auf ihren nächsten Einsatz im Juli. Ich suchte nach einer Lücke im Zaun, aber zwei Männer machten mir vom anderen Ende des Geländes aus Handzeichen zu verschwinden.

Dann erreichte ich meinen Bestimmungsort. TRAPPRENNBAHN KARLSHORST stand in beeindruckenden Lettern über dem Eingang. Ich glotzte und fotografierte, der Vorplatz blieb leer. Plötzlich erklang vom nebenan gelegenen S-Bahnhof Musik, jemand spielt Keyboard oben am Bahnsteig. Ich versuchte, die Melodie einzuordnen, summte einzelne Tonabfolgen mit. Beim Refrain erkannte ich, dass es sich um The Power of Love von Céline Dion handelte. Vielleicht gingen die Pferde mit mir durch, vielleicht war mein Herz durch die Hitze porös geworden, durchlässiger, vielleicht war es auch einfach nur an der Zeit gewesen: Célines Stimme im Ohr, Sometimes I am frightened, But I'm ready to learn, kehrte plötzlich eine längst verloren geglaubte Gewissheit in mir zurück. Die Kraft der Liebe würde mich durch diesen Sommer tragen. Ich würde mir Trecking-Sandalen kaufen und an Badeseen von Mücken zerstochen werden, ich würde Alster trinken und Sonnenbrand bekommen, ich würde schlaflose Nächte in meiner stickigen Wohnung verbringen, zu viel Eis essen und mit Kat Ausflüge nach Lichtenberg machen. Es würde selbstverständlich die beste Zeit des Jahres werden.

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann

Später suchte ich erfolglos den mit großen Bannern beworbenen Biergarten (auf die Idee, jemanden zu fragen, kam ich nicht), fuhr zum Deutsch-Russischen-Museum (natürlich hatte es geschlossen, ich würde wiederkommen müssen) und durchquerte die Neubau-Siedlung hinter der Trabrennbahn, deren Bewohner:innen in ihren hoch eingezäunten Gärten zusammensaßen, plauschten, grillten (der Holzkohlegeruch verriet es, Einblick hatte ich nicht). Auf der Rennbahn zog eine einsame Reiterin in gemächlichem Tempo ihre Kreise, das Pferd schnaubte leise. Ich bin ein einziges Mal bei einem Pferderennen in Hamburg gewesen, zusammen mit meinem damaligen Freund und seiner Verwandtschaft, die eine Obsession für Wetten aller Art hatte. Ich weiß noch, dass ich dachte: „Wie elegant und leicht die Jockeys wirklich aussehen!“, als sie an uns vorbeizischten, und wie schön es war, das zu erleben.

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Foto: Nora Linnemann

Berlin Lichtenberg, 9. Juni 2021

NAHERHOLUNG IN FENNPFUHL

"Wer nie so recht gelebt hat, dem ist auch kein echter Tod vergönnt und der ist für diesen Ort bestimmt ..."
(Hausfassade in Fennpfuhl)

 

Ich will Lichtenberg kennenlernen“, hatte ich am Telefon zu Kat gesagt, „und mit Fennpfuhl fange ich an.“ “Da war ich noch nie“, hatte sie geantwortet. „Ich hol dich Samstag um 11:00 ab.“ Wir fuhren: Vom Kreuzberger Westen rüber in den Osten, wo die Straßen breiter sind und die Häuser höher, Block, Block, Block. Ich mag Ausflüge mit Kat. Sie hat diesen typischen Blick einer Fotografin für Details, immer einen scharf gestellten Fokus. Vor meinen Augen verschwimmen Gebäude und Straßenzüge zu lieblos gemalten Aquarellbildern, ich habe die letzte Ecke bereits an der nächsten vergessen. „Dafür merkst du dir Gesichter“, sagte Kat, als wir am Anton-Saefkow-Platz aus dem Auto stiegen, dem „gesellschaftlichen Zentrum Fennpfuhls“, wie ich im Internet gelesen hatte, geschaffen als Einkaufs- und Erholungsort für die Bewohner:innen der ersten zusammenhängenden Plattenbausiedlung der DDR.

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Foto: Nora Linnemann

Für einen Samstagvormittag kam mir der Platz zu leer vor. „Bäm, Zeitmaschine“, rief ich, unentschlossen, in welchem Jahrzehnt wir gelandet waren – 70er, 80er? Vorwiegend älteres Publikum zog seine Kreise zwischen Drogerie, Apotheke, Supermarkt und Don Gelato, einige wenige Menschen frühstückten im einzigen Café. Ich wartete darauf, dass sich bei mir ein Gefühl von Trostlosigkeit einstellte, aber ich erlag sofort dem Charme dieser Gemächlichkeit und schämte mich dafür, dass mich das überraschte. „Zum Tümpel?“, fragte Kat, ich nickte. Wir wollten den namengebenden Pfuhl sehen, das Herzstück des Fennpfuhlparks, Fontäne inklusive. Auf dem Weg entdeckten wir im oberen Stockwerk eines Flachbaus die Stadtteil-Bibliothek. Darunter ansässig: Ein Sonnenstudio, von dessen Werbebanner uns die Worte „Körper straffen“ entgegen prangten. Bücher und Bräune, was willste mehr.

Foto: Nora Linnemann

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Im Park angekommen, hatten wir zwei bemerkenswerte Begegnungen: Zuerst trafen wir eine alte Dame, die sich auf einer Bank niedergelassen hatte und an einem Fläschen Rotkäppchen nippte. „Ist gut für den Kreislauf“, kicherte sie, den Piccolo schwenkend, “nicht auslachen.“ „Niemals“, sagte ich, „es sei Ihnen gegönnt.“ Kurz danach entdeckte Kat vor uns am Wegrand ein Eichhörnchen. Wir versuchten unsere Begeisterung – „Hach!“, „Guck doch!“, „Süß!“ – so leise wie möglich auszurufen, um es nicht zu verschrecken, aber von Angst auf Seiten des Eichhörnchens konnte keine Rede sein, im Gegenteil, es hüpfte näher an uns heran – „Wie zutraulich!“ – und noch näher – „So zutraulich!“ – , sprang Kat an die Wade und begann an ihrem Bein hochzuklettern, bis es sich auf Höhe ihrer Hüfte wieder abstieß, schwänzelnd durch die Luft flog und sofort aus unserem Blickfeld verschwand. Wir prusteten los.

Erschöpft suchten wir nach der nächsten Bank. Ein paar Sonnenstrahlen schoben sich durch den Wolkenhimmel, ich knöpfte meine Jacke auf. Wir bestaunten die Hochhausspitzen, die hinter den Bäumen aufragten. Vor Jahren war ich einmal beruflich in einem dieser Häuser gewesen, aber ich konnte mich nicht daran erinnern, bei der Gelegenheit aus dem Fenster geblickt zu haben. „Hast du bestimmt“, sagte Kat, „macht man doch immer, Aussicht checken.“ Ich stellte mir vor, dass gerade jemand von dort oben auf uns hinunterschaute, zwei Touristinnen aus West-Berlin, aber natürlich wären wir – wenn überhaupt – nur als winzige Punkte zwischen den Bäumen erkennbar, so plötzlich wieder verschwunden, wie wir aufgetaucht waren. „Glaube, hier leben die nettesten Menschen von Berlin“, sagte Kat. „Super nett“, antwortete ich, „aber dafür sind die Eichhörnchen ein bisschen übergriffig.“

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Foto: Nora Linnemann

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Foto: Nora Linnemann